Der Abschied

Nur noch wenige Tage in der Wohnung. Die Ereignisse häufen sich: Abschied im Kinderladen, Fahrräder zusammenbauen, Werkzeug zusammenstellen, Wohnung auf die Größe des Kinderzimmers zusammenpacken, wobei wir die Kartons packen und die Kinder sie wieder auspacken. Unsere Sachen zum Mitnehmen haben wir seit Wochen in Kisten gesammelt. Ob da alles drin ist, was wir brauchen? Stadtwerke müssen wir noch abmelden und das Telefon ummelden, hier und da anrufen, Laufräder abholen, ein Interview mit dem Rheinboten und mit der Libelle....

Als der letzte Tag angebrochen ist, sieht es immer noch nicht klarer aus. Aber heute müssen wir fertig werden. Janine, unsere Untermieterin hilft uns, denn sie zieht heute hier ein. Bevor wir die Wohnung verlassen, gehen wir noch in den Kinderladen und verabschieden uns. Anika scheint es zu viel zu sein. Sie will weg. Nesli von der Libelle hält unseren Abschied auf Fotos, Video und in einem Interview fest.

Die erste Etappe werden wir mit dem Auto zurücklegen. Mein Vater holt die Kinder ab. Das ist eine große Erleichterung, denn so haben wir etwas mehr Ruhe die Wohnungsübergabe durchzuführen. Ins Auto packen wir mehr als wir brauchen, denn uns fehlt etwas der Überblick. Wer weiß, was die Kinder alles wieder ausgepackt haben. Trotz einer Vorbereitung von 1 ½ Jahren fehlt uns die Zeit. Unsere Ziele stehen auch erst seit Kurzem fest. Ursprünglich wollten wir von der Türkei nach Zentralasien fahren. Politische Unsicherheiten in den östlichen Nachbarländern der Türkei und zuletzt auch der Krieg im Irak machten uns einen Strich durch die Rechnung. Dazu kam, dass Weiterflüge in der kalten Jahreszeit nach Neuseeland von Zentralasien für uns unbezahlbar gewesen wären. Unser nächstes Ziel Südafrika und Indischer Ozean erwies sich als eine flugtechnische Sackgasse, sofern man nicht Unmengen Geld für Flüge ausgeben möchte. Zudem kamen Reisebüros, die uns unzureichende Informationen lieferten oder uns gar auf teure Fluglinien locken wollten. Erst einige Wochen vor der Reise stand unsere Route fest: Malaysia, Thailand, Neuseeland und auf dem Rückweg Sri Lanka. Eigentlich etwas ganz anderes als ursprünglich ausgedacht, aber auch so lässt sich die Welt entdecken.

Die Schlüsselübergabe fällt mir schwer. Es ist noch so viel Unerledigtes... und schließlich lassen wir unser bisheriges Leben auf diesen wenigen Quadratmetern zurück.

Als wir im Auto sitzen fühlen wir uns erleichtert. Trotzdem kreisen durch den Kopf noch viele Gedanken. Habe ich das Werkzeug eingepackt? Haben wir Janine über alles informiert? Doch im Großen und Ganzen ist der Druck, noch tausend Dinge erledigen zu müssen, von uns gefallen.

Abends sitzen wir in einer schönen Ferienwohnung, die meine Eltern organisiert haben, und fühlen uns frei. Am nächsten Morgen werden wir mit einem Vogelgezwitscher begrüßt. Der Frühling ist da, obwohl die Außentemperatur bis auf einige Grad über Null abgesunken ist. Beim wechseln der Reifen am Anhänger sind meine Finger steif gefroren. In den nächsten Tagen wird es noch kälter. Radfahren macht keinen Spaß aber wir haben hier noch das Auto. Nach drei Tagen ziehen wir in ein kleines Hotelzimmer. Hier wird uns bewusst, dass wir viel zu viele Dinge dabei haben und so sortieren wir erst mal aus. Diese Erfahrung haben wir schon mal gemacht: wenn man mit dem Auto losfährt und weiter mit dem Rad fahren will, kommen viel zu viele Dinge mit.

Es gibt hier immer noch viele Dinge zu erledigen. Unser Gepäck zusammenstellen und Unnötiges zurücklassen, Computer einrichten. Leider ist der CD-Brenner noch nicht da. Es gibt Probleme bei der Überweisung für Ebay. Das Auto muss noch eingemottet werden. Die Kinder können zwischendurch bei meinen Eltern bleiben. Bei diesen frostigen Temperaturen werden wir die nächste Etappe mit dem Zug zurücklegen. Der Fahrkartenkauf nimmt fast zwei Stunden in Anspruch. Bei der Bahn ist nichts einfacher geworden. Die Auskunftsträgheit des Personals ist noch größer geworden. Auf dem Rückweg stellen wir fest, dass wir die angekündigten 10% Rabatt doch nicht bekommen haben. Also noch einmal eine halbe Stunde am Schalter stehen.

An einem frostigen Morgen fahren wir los. Die von meinen Eltern geliehenen Handschuhe geben wir am Bahnhof meinem Vater zurück, der uns hilft all die Sachen in den IC hinein zu bekommen. Und die Hilfe ist wirklich notwendig. Der Fahrradwagon hält einige Hundert Meter weiter als auf dem Wagenstandsanzeiger angekündigt. Nie wieder lade ich vorher das Gepäck von den Fahrrädern ab, schwöre ich mir.

Dafür ist die Fahrt nach Hannover erst mal sehr angenehm. Ab Hannover wird es wieder ungemütlich. Der Regionalexpress nach Göttingen ist eine alte Klapperkiste. Durch die Türen bekommen wir die Anhänger kaum durch. Zum Glück hilft uns da ein freundlicher Mitreisender. Nach einer Stunde in Salzderhelden holen uns Katjas Eltern ab. Die Kinder fahren mit dem Auto mit und wir fahren gemütlich mit dem Fahrrad. Es ist nicht so kalt wie heute morgen. Handschuhe sind nicht nötig. Es ist schön auf dem Fahrrad zu sitzen und einfach Zeit zu haben.

 

Die nächsten Tage verbringen wir ganz ruhig. Anika geht mit Oma in den Kindergarten und freut sich mit anderen Kindern zu spielen. Wir erledigen noch einige Dinge, der Computer wird eingerichtet. Dafür sind einige Treiber aus dem Internet nötig. Die bei Ortlieb angefragten Ersatzschrauben für die Lenkertaschenhalterung kommen prompt an und auch der schon in Düsseldorf erwartete Regenverdeck für Anikas Anhänger ist da. Inzwischen kehrt wirklich der Frühling ein. Es wird warm. Auf einem Spielplatz schraube ich an den Fahrrädern. Einiges ist noch nicht perfekt und so manche Schraube hat sich gelöst. So vergehen Tage und Ostern steht vor der Tür. So merken wir, dass die Zeit nicht stehen geblieben ist und unser Abreisetermin schon bald da ist. Am Abend nähe ich aus Zeltstoff einige mit Isomatte gepolsterte Aufbewahrungssäckchen für die Computerteile und ein Regen/Sonnenverdeck für Anika, das als Erweiterung des vorhandenen dienen soll.

An einem sonnigen Tag fahren wir wieder los. Diesmal haben wir das Gefühl wirklich loszufahren. Es gibt nur eine kurze Zwischenstation Frankfurt. Bis jetzt müssten wir alles geregelt haben. Fast alles. Unsere Mailingliste richten wir am Vortag ein. Und auch unsere Geldonlinequellen. Die Flugtickets werden nach Frankfurt in die Jugendherberge geschickt, in der wir übernachten werden. Ach ja!. Es stellt sich heraus, dass ich in der Krankenversicherung nicht mitversichert bin. Also holen wir das telefonisch nach. Der Abschied ist wieder schwer, diesmal für Katjas Eltern. Anika sagt einfach bis zum nächsten Jahr. Ihr ist der Zeitraum noch nicht bewusst. Nina, ihre große Puppe und eine kleine sollen mit. Es ist aber nur Platz für eine da und so bleibt Nina bei Oma. Ein Freund von Anika schenkt ihr zum Abschied einen kleinen Teddy. Der Frühling duftet, wir fahren zu der 20 km entfernten Bahnstation, um nach Frankfurt zu kommen. Anika zieht den Sonnenverdeck über den Kopf und sagt mir, dass es wie im Urlaub sei. Sie meint die Straßengeräusche. So niedrig über dem Asphalt hat sie eine andere Perspektive. Ich nehme mehr das Summen der Reifen wahr. Wir fahren durch kleine Dörfer, schade, eigentlich könnten wir so weiter bis nach Frankfurt fahren. Ist ein Jahr zu kurz?

Die Räder sind schwer. Das Gepäck müssen wir in Frankfurt noch etwas abspecken. Am Bahnhof in Northeim sind wir frühzeitig da. Leider müssen wir unsere Lasten die Treppe zum Bahnsteig tragen. Der Fahrstuhl ist defekt. In der Sonne picknicken wir am Bahnsteig. Das warten spielt keine Rolle. Zweieinhalb Stunden später sind wir in Frankfurt. Doch vorher können wir aus dem Fenster des ICs schöne Landschaften betrachten. Obstbäume blühen, ein Flüsschen schlängelt sich den Schienen entlang.


Frankfurt begrüßt uns mit Staub und Pollen. Erst am Main macht das Radfahren wieder Spaß. Die Jugendherberge liegt am rechten Mainufer in Sachsenhausen. Anika sucht sich gleich ein oberes Bett aus. Titus macht es ihr nach. An der Rezeption erfahren wir, dass unsere Tickets noch nicht da sind. Wir hoffen auf morgen, sonst müssen Sie uns mit Kurierdienst gebracht werden. Von dieser Mainseite sehen die Türme Frankfurts sehr imposant aus. Die Gässchen Sachsenhausens dagegen wirken fast dörflich und malerisch. Die Gäste der Herberge sind international. Eine Japanerin fotografiert ihren Frühstücksteller mit Brötchen, Käse und Fleischwurst. Es wirkt etwas befremdlich auf uns, aber wer weiß, was wir so in der Zukunft auf den Teller bekommen werden. Mein Freund Jürgen besucht uns hier und bringt uns noch einige vergessene Medikamente. Zwischendurch schaffen wir es auf dem Römer einen Äppelwoi zu trinken und abends in Sachsenhausen für uns den vorerst letzten landestypischen Döner zu essen. Etwas stressig ist es noch. Wir müssen einen Check einlösen, was in der Bankenstadt gar nicht so einfach ist. Man muss nach oben schauen und das ist beim Fahrradfahren gar nicht so einfach.

 

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